Bundespatentgericht:
Beschluss vom 29. September 2004
Aktenzeichen: 29 W (pat) 136/02

Tenor

Der Beschluß der Markenstelle für Klasse 16 des Deutschen Patent- und Markenamtes vom 10.04.2002 wird aufgehoben, soweit die Anmeldung für die Dienstleistungen Bleistifte, Bleistiftminen, Farb- und Kopierstifte, Farb- und Kopierminen, Druck-, Fall- und Drehbleistifte, Filz- und Faserschreiber, Faserschreiberminen, Poster zurückgewiesen worden ist.

Gründe

I.

Die Wortmarke GELBALL soll für Waren Klasse 16: Bleistifte, Bleistiftminen, Farb- und Kopierstifte, Farb- und Kopierminen, Druck-, Fall- und Drehbleistifte, Kugelschreiber, Kugelschreiberminen, Tintenkugelschreiber, Filz- und Faserschreiber, Faserschreiberminen, Füllfederhalter, mechanische Stifte, Textmarker und Highlighter, Büroartikel (ausgenommen Möbel), Poster, Druckereierzeugnisse;

in das Markenregister eingetragen werden.

Die Markenstelle für Klasse 16 des Deutschen Patent- und Markenamtes hat die Anmeldung mit Beschluß vom 10.04.2002 wegen mangelnder Unterscheidungskraft gem. § 8 Abs. 2 Nr. 1 MarkenG und Bestehen eines Freihaltebedürfnisses gem. § 8 Abs. 2 Nr. 1 MarkenG zurückgewiesen.

Das angemeldete Zeichen GELBALL stelle eine unmittelbar beschreibende Inhalts- und Bestimmungsangabe dar, weshalb ihm jegliche Unterscheidungskraft fehle. Der Begriff "GELBALL" sei zwar insgesamt lexikalisch nicht nachweisbar, setze sich aber aus den Worten "gel" (gallertartiger Niederschlag aus einer fein zerteilten Lösung; hier: neue Geltinte) und "ball" (kugelförmiger Gegenstand) zusammen und sei sprachüblich gebildet.

Der angesprochene Verkehrskreis würde darin die Ware, nämlich einen Büroartikel mit einer kugelförmigen Spitze und Gel als Schreibmittel erkennen.

Mit ihrer hiergegen gerichteten Beschwerde vom 16.05.2004 (Bl. 5 ff. d. A.) trägt die Anmelderin vor, dass die angemeldete Marke über die erforderliche Unterscheidungskraft verfüge. Mit Schriftsatz vom 27.10.2004 wurde die Beschwerde für die Waren (Kugelschreiber, Kugelschreiberminen, Tintenkugelschreiber, Füllfederhalter, mechanische Stifte, Textmarker und Highlighter, Büroartikel [ausgenommen Möbel], Druckereierzeugnisse) zurückgenommen und lediglich noch für die Waren Bleistifte, Bleistiftminen, Farb- und Kopierstifte, Farb- und Kopierminen, Druck-, Fall- und Drehbleistifte, Filz- und Faserschreiber, Faserschreiberminen, Poster aufrechterhalten.

Der angesprochene deutsche Verbraucher verstehe unter "GELBALL" einen mit Gel gefüllten Ball, wie er in der Medizin und Gentechnik, u. a. als Anti-Streß-Handball, verwendet werde.

Erst durch die gedankliche Zusammenführung von "Gel" mit Tinte, könne man auf die Bedeutung als Schreibgerät kommen. Ohne diesen gedanklichen Zwischenschritt denke der angesprochene Verbraucher bei "Gel" wesentlich eher an Haarfestiger oder Gelatine.

Aus den o. g. Gründen bestehe auch kein Freihaltebedürfnis, da das angemeldete Zeichen weder jetzt noch zukünftig benötigt werde.

Die Anmelderin beantragt daher, unter Aufhebung des Beschlusses des Deutschen Patent- und Markenamts vom 10.04.2002 wird die Marke GELBALL für die Waren und Dienstleistungen Bleistifte, Bleistiftminen, Farb- und Kopierstifte, Farb- und Kopierminen, Druck-, Fall- und Drehbleistifte, Filz- und Faserschreiber, Faserschreiberminen, Poster eingetragen.

II.

Die zulässige Beschwerde ist erfolgreich.

Hinsichtlich der Waren Bleistifte, Bleistiftminen, Farb- und Kopierstifte, Farb- und Kopierminen, Druck-, Fall- und Drehbleistifte, Filz- und Faserschreiber, Faserschreiberminen, Poster besteht Schutzfähigkeit, da das angemeldete Zeichen in Bezug auf die vorgenannten Waren unterscheidungskräftig und nicht freihaltebedürftig ist.

1. Unterscheidungskraft im Sinne der Vorschrift des § 8 Abs. 2 Nr. 1 MarkenG ist die einer Marke innewohnende konkrete Eignung, vom Verkehr als Unterscheidungsmittel für die von der Marke erfassten Waren oder Dienstleistungen eines Unternehmens gegenüber solchen anderer Unternehmen aufgefasst zu werden (st. Rspr.; BGH GRUR 2003, 1050 - Cityservice; BGH GRUR 2001, 1153/1154 - antiKALK). Hierbei ist grundsätzlich von einem großzügigen Maßstab auszugehen, d. h., jede auch noch so geringe Unterscheidungskraft reicht aus, um das Schutzhindernis zu überwinden (BGH WRP 2002, 1073/1074,1075 - BONUS II).

Kann einem Zeichen jedoch für die in Frage stehenden Waren und Dienstleistungen ein im Vordergrund stehender beschreibender Begriffsinhalt zugeordnet werden, oder handelt es sich auch sonst um eine verständliche Wortfolge der deutschen oder einer geläufigen Fremdsprache, die vom Verkehr - etwa auch wegen einer entsprechenden Verwendung in der Werbung - stets nur als solche und nicht als Unterscheidungsmittel verstanden wird, so fehlt ihm die Unterscheidungskraft (BGH GRUR 2001, 1153/1154 - antiKALK; BGH WRP 2001, 1082/1083 - marktfrisch; BGH GRUR 2001, 1043 - Gute Zeiten - Schlechte Zeiten; BGH GRUR 2001, 1042 - REICH UND SCHOEN; BGH BlfPMZ 2001, 398 - LOOK, BGH WRP 2002, 1073/1074,1075 - BONUS II).

Bei zusammengesetzten Zeichen wie GELBALL kommt es nicht auf die Bedeutung des Einzelbegriffs an, sondern auf die Maßgeblichkeit des Gesamteindrucks. Die angesprochenen Abnehmer müssen aus dem Gesamtbegriff unmittelbar und ohne weiteres Nachdenken einen Bezug zu den Waren und/ oder Dienstleistungen herstellen können, ohne eine analysierende Betrachtung der Einzelbestandteile vorzunehmen (Fezer, Markenrecht, 3. Aufl., § 8 Rn. 42; Ingerl/ Rohnke, Kommentar zum MarkenG, 2. Aufl., § 8 Rn. 53; Ströbele/ Hacker, Kommentar zum MarkenG, 7. Aufl., § 8 Rn. 125). In seiner Entscheidung vom 16.09.2004 (EuGH Rs. C-329/02, Rn. 28 - SAT.2) hat der EuGH zum wiederholten Male klargestellt, dass bei einem aus mehreren Elementen bestehenden Zeichen "eine eventuelle Unterscheidungskraft teilweise für jeden ihrer Begriffe oder ihrer Bestandteile geprüft werden" könne, dann "aber auf jeden Fall von einer Prüfung der Gesamtheit, die sie bilden, abhängen" müsse. Der Umstand allein, dass jeder der Wortbestandteile für sich genommen nicht unterscheidungskräftig sei, schließe nämlich nicht aus, dass deren Kombination trotzdem unterscheidungskräftig sein könne.

Vorliegend ist die Unterscheidungskraft für die Waren, die nach der teilweisen Beschwerderücknahme noch verblieben sind, zu bejahen. Die Unterscheidungskraft ist nämlich immer sowohl im Hinblick auf die angemeldeten Waren oder Dienstleistungen als auch im Hinblick auf die beteiligten Verkehrskreise zu beurteilen ist. Dabei ist hier auf die mutmaßliche Wahrnehmung eines durchschnittlich informierten, aufmerksamen und verständigen Durchschnittsverbrauchers der fraglichen Waren oder Dienstleistungen abzustellen (EuGH MarkenR 2003, 187/190 Rn. 41 - Linde, Winward und Rado; EuGH MarkenR 2004, 116/120 Rn. 50 - Waschmittelflasche), da es sich im wesentlichen um Waren des täglichen Bedarfs handelt.

GELBALL ist weder in der deutschen, noch in der englischen Sprache lexikalisch nachgewiesen, sondern setzt sich aus den beiden Worten "gel" und "ball" zusammen.

Im Englischen heißt "Gel" dabei Gel (Collins, Globalwörterbuch Englisch, 2001, S. 513), "ball" wird übersetzt mit Ball, Kugel, Knäuel (a. a. O., S. 82).

Die Bedeutung von "Gel" in der deutschen Sprache reicht von der Kurzform für Gelatine über "gallertartiger Niederschlag aus einer fein zerteilten Lösung" bis zur Bezeichnung für einen "gallertartigen Hygieneartikel" (Duden, Deutsches Universalwörterbuch, 4. Aufl.). Der "Ball" wird definiert als "kugelförmiger, gewöhnlich mit Luft gefüllter (elastischer) Gegenstand, der als Spielzeug oder Sportgerät verwendet wird". Daneben gibt es die zweite Bedeutung als Tanzveranstaltung (a. a. O.), die aber angesichts des Warenverzeichnisses nicht in Betracht kommt.

Die Unterscheidungskraft ist dabei - wie oben festgestellt - im Hinblick auf die angemeldeten Waren und/ oder Dienstleistungen zu beurteilen.

Im vorliegenden Fall ist der Begriff GELBALL nur für eine bestimmte Art von Schreibgeräten, nämlich solche, die eine gelartige Tinte enthalten und eine Kugel (=Ball) in der Schreibspitze besitzen, beschreibend. Bei den übrigen - eintragbaren - Waren ist GELBALL nicht beschreibend, da sie entweder aufgrund ihrer technischen Konstruktion nicht mit einer Kugel versehen, oder aufgrund ihrer stofflichen Beschaffenheit nicht mit einer gelartigen Flüssigkeit ausgerüstet sind.

Das angesprochene Publikum, das aus dem umfangreichen Sortiment der Stifte bereits Bezeichnungen wie "Rollerball", "uniball", "Powerball" (www.viking.de), "Topball" (z. B. im Büroartikelkatalog von büroplus) oder "Ballpointfeder" (www.garrettspecialities.com) kennt, und mit - mit Geltinte gefüllten - Schreibwaren unter der Bezeichnung ""Gelroller", Gelstift", "Gelschreiber" (z. B. Büroartikelkatalog von officediscount) vertraut ist, ist an die Kombination der unterschiedlichen Elemente "gel" und "ball" in diesem Warensegment gewöhnt. Bei den mit "ball" beschriebenen Schreibgeräten handelt es sich dabei jeweils um solche, die technisch mit einer Kugel ausgestattet sind (z. B. der Pentel Superball, "...die präzise Wolframkarbid-Stahlkugel garantiert ein sanftes Schreiben ..." oder der Topball 857 von Schneider, ""mit stabiler Metallspitze und Hartmetallkugel"), die die Schreibflüssigkeit verteilt, so dass ein bestimmtes Schreibgefühl erzeugt wird. Die angesprochenen Verkehrskreise werden im Hinblick auf die belegte Verwendung von "gel" und "ball" daher in Bezug auf Schreibgeräte nur solche, nämlich Kugelschreiber, Kugelschreiberminen, Tintenkugelschreiber, Füllfederhalter, mechanische Stifte, Textmarker und Highlighter, unter dem Begriff GELBALL verstehen, die technisch mit einer Kugel ausgestattet und mit einer gelartigen Flüssigkeit gefüllt sind.

Der Einwand der Anmelderin, dass die betroffenen deutschen Verkehrskreise in der streitigen Bezeichnung eher einen mit Gel gefüllten Ball denn einen Stift sehen, und daraus auf Mehrdeutigkeit schließt, trägt allerdings nicht. Die Frage der Mehrdeutigkeit ist nämlich ebenfalls - wie derjenige der Unterscheidungskraft insgesamt - im Hinblick auf die angemeldeten Waren zu prüfen (Ingerl/ Rohnke, a. a.O., § 8 Rn. 135; Ströbele/Hacker, a.a.O., § 8 Rn. 75; BGH GRUR 2000, 882 - Bücher für eine bessere Welt). Ein Kontextbezug fehlt hier völlig. Mit Gel gefüllte Bälle, die im medizinischen Bereich oder auf dem Sportsektor verwendet werden, gehören nicht zu den hier angemeldeten Waren der Klasse 16, so dass der zusammengesetzte Begriff in diesem Zusammenhang auch nicht interpretationsbedürftig sein kann.

2. Ein Freihaltebedürfnis gem. § 8 Abs. 2 Nr. 2 MarkenG besteht bei den Waren Bleistifte, Bleistiftminen, Farb- und Kopierstifte, Farb- und Kopierminen, Druck-, Fall- und Drehbleistifte, Filz- und Faserschreiber, Faserschreiberminen, Poster ebenfalls nicht, da das angemeldete Zeichen GELBALL für sie nicht beschreibend ist, da es nicht lediglich aus Angaben besteht, die zur Bezeichnung der Art und Beschaffenheit der Ware dienen bzw. dienen können. Es muß daher auch keiner Monopolisierung des Zeichens entgegengetreten werden, so dass insoweit ebenfalls Eintragungsfähigkeit besteht.

Grabrucker Baumgärtner Dr. Mittenberger-Huber Cl






BPatG:
Beschluss v. 29.09.2004
Az: 29 W (pat) 136/02


Link zum Urteil:
https://www.admody.com/urteilsdatenbank/e46270217624/BPatG_Beschluss_vom_29-September-2004_Az_29-W-pat-136-02


Admody

Rechtsanwälte Aktiengesellschaft

Theaterstraße 14 C
30159 Hannover
Deutschland


Tel.: +49 (0) 511 60 49 81 27
Fax: +49 (0) 511 67 43 24 73

service@admody.com
www.admody.com

Kontaktformular
Rückrufbitte



Für Recht.
Für geistiges Eigentum.
Für Schutz vor unlauterem Wettbewerb.
Für Unternehmen.
Für Sie.



Justitia

 


Bundesweite Dienstleistungen:

  • Beratung
  • Gerichtliche Vertretung
  • Außergerichtliche Vertretung

Rechtsgebiete:

Gewerblicher Rechtsschutz

  • Markenrecht
  • Wettbewerbsrecht
  • Domainrecht
  • Lizenzrecht
  • Designrecht
  • Urheberrecht
  • Patentrecht
  • Lauterkeitsrecht
  • Namensrecht

Handels- & Gesellschaftsrecht

  • Kapitalgesellschaftsrecht
  • Personengesellschaftsrecht
  • Handelsgeschäftsrecht
  • Handelsstandsrecht
  • Internationales Kaufrecht
  • Internationales Gesellschaftsrecht
  • Konzernrecht
  • Umwandlungsrecht
  • Kartellrecht
  • Wirtschaftsrecht

IT-Recht

  • Vertragsrecht der Informationstechnologien
  • Recht des elektronischen Geschäftsverkehrs
  • Immaterialgüterrecht
  • Datenschutzrecht
  • Telekommunikationsrecht


Diese Seite teilen (soziale Medien):

LinkedIn+ Social Share Twitter Social Share Google+ Social Share Facebook Social Share








Admody Rechtsanwälte Aktiengesellschaft



Jetzt Kontakt aufnehmen:

Per Telefon: +49 (0) 511 60 49 81 27.

Per E-Mail: service@admody.com.

Zum Kontaktformular.





Admody Rechtsanwälte Aktiengesellschaft Stamp Logo




Hinweise zur Urteilsdatenbank:
Bitte beachten Sie, dass das in der Urteilsdatenbank veröffentlichte Urteil weder eine rechtliche noch tatsächliche Meinung der Admody Rechtsanwälte Aktiengesellschaft widerspiegelt. Es wird für den Inhalt keine Haftung übernommen, insbesondere kann die Lektüre eines Urteils keine Beratung im Einzelfall ersetzen. Bitte verlassen Sie sich nicht darauf, dass die Entscheidung in der hier angegeben Art und Weise Bestand hat oder von anderen Gerichten in ähnlicher Weise entschieden werden würde.
Lizenzhinweis: Enthält Daten von O‌p‌e‌n‌j‌u‌r, die unter der Open Database License (ODbL) veröffentlicht wurden.
Sollten Sie sich auf die angegebene Entscheidung verlassen wollen, so bitten Sie das angegebene Gericht um die Übersendung einer Kopie oder schlagen in zitierfähigen Werken diese Entscheidung nach.
Durch die Bereitstellung einer Entscheidung wird weder ein Mandatsverhähltnis begründet noch angebahnt.
Sollten Sie eine rechtliche Beratung und/oder eine Ersteinschätzung Ihres Falles wünschen, zögern Sie nicht, uns zu kontaktieren.


"Admody" und das Admody-Logo sind registrierte Marken von
Rechtsanwalt Sebastian Höhne, LL.M., LL.M.

01.12.2022 - 05:05 Uhr

Tag-Cloud:
Rechtsanwalt Domainrecht - Rechtsanwalt Internetrecht - Rechtsanwalt Markenrecht - Rechtsanwalt Medienrecht - Rechtsanwalt Wettbewerbsrecht - Mitbewerber abmahnen lassen - PayPal Konto gesperrt


Aus der Urteilsdatenbank
LG Dortmund, Urteil vom 15. Januar 2016, Az.: 3 O 610/15 - BPatG, Beschluss vom 5. März 2009, Az.: 30 W (pat) 81/06 - OLG Hamm, Beschluss vom 16. Mai 2011, Az.: I-8 AktG 1/11 - BGH, Beschluss vom 20. Januar 2014, Az.: AnwZ (Brfg) 51/12 - BFH, Beschluss vom 20. Dezember 2011, Az.: II S 28/10 (PKH) - BGH, Urteil vom 11. Januar 2016, Az.: AnwZ (Brfg) 36/15 - OLG Hamm, Urteil vom 17. März 2009, Az.: 4 U 184/08 - BPatG, Beschluss vom 9. April 2002, Az.: 27 W (pat) 44/01 - BPatG, Beschluss vom 7. November 2001, Az.: 26 W (pat) 114/00 - BPatG, Beschluss vom 24. September 2003, Az.: 29 W (pat) 274/02